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Zum Wort Schalomdiakonat

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Von Herbert Froehlich, Heidelberg,
Vorsitzender des Vereins Oekumenischer Dienst Schalomdiakonat

1. Zur Entstehung

Vom Diakonat des Schalom – Schalomdiakonat ist im Verlauf der Ökumene wohl schon länger die Rede gewesen. (Frag nach beim Laurentiuskonvent, besonders bei Ruth und Wilfried Warneck, dem früheren Vorsitzenden des Oekumenischen Dienstes - OeD.)

Schalomdiakonat ist zu einem festen Begriff geworden im Zusammenhang mit Überlegungen im Anschluß an die Ökumenischen Versammlungen der christlichen Kirchen im Konziliaren Prozeß: angefangen in Dresden und Stuttgart, weitergeführt in Basel und Seoul.

Also: Voraussetzung für das hebräisch-griechische Kunstwort Schalomdiakonat war zum einen in der Sache das Ziel: Frieden, Schalom im breiten Sinne, zum andern das damit verbundene Ziel: die Kirchen sollten den Dienst an der Welt, den Dienst am Frieden als ihre Sache und damit Friedensarbeit als eine Gabe aus dem Geist Jesu Christi verstehen; also: ein Diakonat am Frieden als ein Amt in der Kirche.

Amt meint dann: eine geistlich inspirierte Aufgabe, die es wert ist, von der Kirche getragen, unterstützt, mit einem Auftrag ausgestattet zu sein. Die erwähnte Herausforderung war gleichzeitig die Hoffnung: die jeweiligen verfaßten Kirchen sollten einen gut passenden Ort für dieses „Amt“ in ihrer eigenen Kirche finden, den jeweiligen Vorstellungen von Gaben, Ämtern und Strukturen entsprechend.

Diejenigen, die diese Erneuerung ausdrücklich wollten und miteinander reflektierten, waren die, die sich schließlich zur Gründung des Vereins Oekumenischer Dienst zusammenfanden

2. Fragen bei den Kirchen

Das Büchlein „alles wirkliche Leben ist Begegnung“, das daraus entstand, hatte den anspruchsvollen Untertitel: „Ökumenische Schalomdienste fordern Kirchen heraus“. Zu „Schalomdiensten“ im Plural sollte gehören: Gemeinden auf dem Weg des Friedens (inclusive Schöpfungs- und Gerechtigkeitsfragen), Einzelne unterschiedlichen Alters und Geschlechts mit einem zeitlich begrenzten Engagement, und damit im Verbund: Einige im Sinne eines Lebensentwurfs im Diakonat des Friedens, Schalomdiakonat.

„...fordern Kirchen heraus“
Gesprochen wurde dieses Wort in den offenen Raum der Ökumene. Es war und ist darauf angewiesen, daß der ökumenisch-konziliare Prozeß von den verfaßten Kirchen bewußt realisiert und rezipiert wird – eine Hoffnung, die nur sehr zum Teil trug und trägt. Manche kirchliche Institution nahm durchaus keine Notiz von dieser Herausforderung, andere wohl. In Deutschland kam die deutlichste Reaktion aus Kreisen evangelischer Landeskirchen, was zur namhaften Unterstützung durch die EKD führte

Kritiken lassen sich so bündeln:

a) überhaupt nicht angesprochen – aus vielerlei Gründen. Die katholische Kirche z.B. fühlte sich lange Zeit nicht angesprochen, weil die Anfrage aus dem offenen Raum der Ökumene kommt und ekklesiologischen (kirchlichen) Anspruch hat. Die r.-katholische Kirche ist jedoch in ihrem Hauptstrom gewohnt, allein Signale aus ihrem eigenen Binnenraum aufzunehmen. Darum gibt es heute Unterstützungen für einzelne, die sich qualifizieren wollen, aber kein Interesse an einem Verein, der theologisch-kirchlich-politischer Gesprächspartner sein will. Ein zaghaftes Türchen öffnet die bischöfliche Kommission iustitia et pax, die im Rahmen der Förderung Ziviler Friedensdienste ausdrücklich auf den OeD hinweist.

Es gibt noch andere Gründe für ausbleibende Reaktion. Aus der Sicht einiger Freikirchen etwa: wir sind zu klein, personell, finanziell; oder: der skizzierte Auftrag „Frieden“ hat nicht die Priorität.

b) Es gibt positive Reaktionen, die sich auf den politischen Teil beziehen: ja, wir brauchen Instrumente zur Überwindung von (kriegerischer) Gewalt. Da setzt sich dann mehr der Begriff Ziviler Friedensdienst durch bzw. zivile Konfliktbearbeitung und der Friedensfachdienst; der kirchliche bzw. christliche Hintergrund bleibt unbeachtet, wird als interessant oder auch als unnötiger Ballast empfunden.

c) Es gibt positive Reaktionen, was den kirchlichen Entwurf angeht, verbunden mit der Einladung, sich mit konkreten kirchen-internen Entwicklungen auseinanderzusetzen: im Bereich evangelischer Landeskirchen, wo es Überlegungen zur Erneuerung des seit langem vorhandenen und kirchenrechtlich geordneten Diakonenamtes gibt, und in einem speziell interessierten Kreis in der r.-katholischen Kirche, dem internationalen Diakonatszentrum, der allerdings 30 Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil selbst um seine Akzeptanz kämpft.

d) Kritische Reaktionen kommen aus solchen Kirchen und Gemeinschaften, denen der Diakonatsbegriff fremd, weil zu hierarchisch ist.

e) Kritik wird auch mit dem Argument vorgetragen: der Ansatz sei zu wenig politisch, zu persönlich im Sinne von individualistisch, zu fromm

3. Fragen bei Interessenten am Angebot des Oekumenischen Dienstes

Einiges an Argumenten aus 2.(Kirchen) kehrt wieder:

a) Von Beginn an formulieren einige FreundInnen ihre Zurückhaltung gegenüber den Kursen, weil sie Sorge haben, als DiakonInnen in die hierarchische Struktur ihrer Kirche eingebunden zu sein und stets um ihre Freiheit bzw. um die Radikalität ihres Zeugnisses kämpfen zu müssen.

b) Andere kritisieren den als zu groß empfundenen Anspruch, den sie mit dem Wort Schalomdiakonat verbinden; sie sehen ihren Dienst nüchterner, auch wenn sie den christlichen Grund akzeptieren.

c) In Verbindung damit kritisieren manche die von Vertretern des Diakonats/Amtsbegriffs eingeführte Perspektive auf Lebenszeit, die ungebührlich eingrenzt und vorweg verpflichtet; dem Zeitgefühl und soziologischen Beobachtungen nicht entsprechend.

d) Andere gewinnen ihr Interesse am Oekumenischen Dienst gerade in der Verbindung von Inhalt (Frieden) und Form (kirchliche Bindung) und wünschen von sich aus eine Stärkung und Wiederbelebung des Begriffs Schalomdiakonat.

Das Angebot spricht Menschen an, die sich eine Qualifikation (Reifung) wünschen, und zwar gleichermaßen persönlich, politisch, spirituell. Dieser Prozeß soll über die Zeit einer Fortbildung hinausgehen und zu einer Wege-Gemeinschaft führen von Menschen, die – wiewohl oft fern voneinander - sich gegenseitig stützen, indem sie voneinander wissen und in Abständen einander berichten und miteinander feiern.

Manche verstehen den Begriff Schalomdiakonat als hilfreich (das ausdrückend, was sie als ihre Sache verstehen), manche nehmen ihn hin, andere ignorieren ihn, sprechen von sich als FriedensarbeiterInnen.

4. Wozu also kann das Wort „Schalomdiakonat“ helfen?

Ein Faltblatt des Vereins Oekumenischer Dienst gibt eine vereinsinterne Debatte um den Begriff Schalomdiakonat mit folgenden Worten wieder:

„Wir bieten ... ein gemeinsames Ziel:

Die Vertiefung der bisherigen oder die Entwicklung einer neuen Lebens- und Berufsperspektive. Sie kann je nach Situation, Träger und Selbstverständnis als oekumenischer Dienst (kurz- oder längerfristig) oder als Schalomdiakonat in kirchlichem Kontext (langfristig) bezeichnet werden...“

a) Das Wort Schalom-Diakonat will stützen, wie eben die Beauftragung mit einem Amt oder Dienst eine Hilfe sein kann, wenn die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen stimmen. Bedingung ist hier das Bewußtsein, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die auf diese Weise ihre Ziele beschreibt und ihre Glieder stützt.

b) Wie läßt sich bewerkstelligen, daß das, was für die einen Stütze ist, für die andern nicht zur Blockade wird?

Es bedarf der Freiheit, das eigene, passende im Ökumenischen Konzert zu finden.

c) Unstrittig ist: der Oekumenische Dienst will
- die spirituelle Grundlegung
- die politische Qualifikation (Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs)
- die kirchliche Rückbindung – wahrnehmend eine starke Unterschiedenheit

In der Art, wie die Kurse arbeiten und wie weiterführende Begegnungen stattfinden (das allgemeine Sommertreffen, regionale Gruppenbildung, in besonderen Fällen: persönliche Begleitung), findet sich die These, daß spirituelle, politische und kommunikative Fähigkeiten im Wechselprozeß miteinander wachsen, und zwar jeweils im Sinne eines dialogischen Lernprozesses der Beteiligten. Politisches Lernen bezieht seine Dynamik aus der jeweiligen Erfahrung der Teilnehmenden, und „ökumenische Feiern“, wie Gottesdienste gelegentlich heißen, beziehen ihre Kraft aus der Bereitschaft, andere am eigenen geistlichen Leben teilhaben zu lassen. Geistliche Bewegung ist so ein fortwährendes Hin im Besuchen bei Anderen und Her im Zurückgehen zum Eigenen.

Letztlich, zu Hause, wird geistlich gesehen dies der Ertrag sein: das durch dieses Unterwegs-Sein gewandelte, geklärte eigene Sprechen, Hören und Schweigen; dadurch die Fähigkeit, beim andern zu sein ohne Sorge um das Eigene.

5. Dem persönlichen Lernprozeß Einzelner entspricht ein Lernprozeß des Vereins

"Oekumenischer Dienst". Im Jahre 1999 hat er begonnen, sich aktuell für ein Jahr darzustellen in einer vierseitigen "Momentaufnahme", die im Jahre 2000 zum zweiten Mal erschienen ist.

Der Verein hat daher an Profil gewonnen, einzelne mögen diesen Prozeß für ihre persönliche Entwicklung beobachten.

6. Zur geistlichen und kirchlichen Dimension „OeD/Schalomdiakonat“

a) Austausch im Rahmen des Vereins und persönlicher Weg im und zum Schalomdiakonat

Im Leben des Vereins und eines wachsenden Freundeskreises sind Elemente eines weiterführenden Austauschs entstanden: Das allgemeine jährliche Sommertreffen, dazu regionale Treffen, ein beginnendes System der persönlichen Begleitung von Menschen in einem spezifischen Dienst, das alles ist in einer guten Entwicklung begriffen. Für Vorstand und Geschäftsstelle ist darauf zu achten, daß diese kommunikative Ebene leben darf, ohne den Verein zu überfordern.

Der Verein lernt, was das heißt: einladen, ohne eine illusionäre Mentalität des Anspruchs zu fördern.

Der OeD kann es als eine gute Chance verstehen, eine geistliche Pluralität zu leben, die sich in der Nähe und Distanz zum Wort Schalomdiakonat ausdrückt. Das Wort ist in einer kleinen Öffentlichkeit eingeführt. Für die einen ist er eine Stütze, für die andern muß er keine Fessel sein. Er bleibt im ökumenisch offenen Raum, vor Eintritt in eine klar bezeichnete Kirche, eine Metapher. Sie meint die oben (Nr.4) benannte Lebens- oder Berufsperspektive, die als eine christliche Berufung zum Friedensdienst oder Friedensstiften verstanden werden kann. Diese Berufung braucht und sucht die Anerkennung durch eine christliche Gemeinschaft; je nach deren Selbstverständnis kann ein Amt oder Auftrag daraus erwachsen.

b) Die Erfahrung mit den Kirchen ist unterschiedlich. Sie ist weiterzuführen.
· Für die EKD und ihre Gliedkirchen ist zu beobachten: Die EKD als ganze zeigt weiterhin Interesse gerade an diesem Projekt des christlich fundierten, gleichzeitig qualifizierten Anbieters von Qualifikationskursen. Eine Landeskirche insbesondere, andere mit Abstand sehen im OeD einen Bündnispartner zur eigenen Qualifikation ihrer MitarbeiterInnen, die im Umfeld von Konflikten arbeiten.
· Mit einigen der hier im Lande kleineren Kirchen sind spezifische Kontakte angebahnt; sie sollen jeweils den Raum erschließen, der gerade in dieser Kirche belebt ist. Beispiel: Methodistische Kirche. Nicht wenige ihrer Gemeinden arbeiten im Bereich Gerechtigkeit/Frieden, und zwar als ganze, nicht vertreten durch eine für sich stehende Arbeitsgruppe. Also wird jetzt geprüft, ob in die Aus-und Fortbildungsangebote dieser Kirche etwas hineinkommt, wofür der OeD als Partner gefragt ist.
· Was die r.-katholische Kirche angeht, so gibt es bereits einen guten Austausch mit einigen Orden und Gemeinschaften, für die Deutsche Bischofskonferenz ist es die Kommission iustitia et pax, die eigens auf den OeD hinweist. Durch die Begleitung einzelner Gemeinden und Gemeindemitglieder, die den Weg des Schalomdiakonats gehen wird am besten gezeigt, was die katholische Kirche von diesem Versuch hat.

c) Wir leben hier in Deutschland in einer als nachristlich definierten Zeit. Für Kirchen und Gemeinden heißt dies, daß sie sich mehr oder weniger alle in einer Umbruchssituation befinden. Der Verein OeD stellt fest, daß es Freundinnen und Freunde gibt, die ihren christlich/ökumenisch verstandenen Dienst bewußt im säkularen Raum tun, ohne kirchlichen Rahmen oder Deutung. Diese Versuche sind sehr aufmerksam zu beobachten und behutsam zu begleiten. In ihnen sind Anzeichen eines christlichen Bewußtseins der Zukunft zu entdecken, dessen Formen uns noch nicht bekannt sind.

Wir hören, daß Dienste (Berufungen) nicht mehr auf Lebenszeit angenommen werden, sondern für eine bestimmte Lebensphase. Das ist ernst zu nehmen.

Wir hören, daß festgefügte Gemeinden für viele nicht fördern, sondern blockieren.

Auf ihrem Weg zu einer tragfähigen Struktur für ein Experiment, das sie mit sich selbst machen, dürfen auch die Geschwister auf dem Wege, die solche Erfahrungen machen, Austausch und Hilfe beanspruchen, aber die Form ist jeweils zu ergründen oder zu erfinden; die Basis ihres Versuchs mag aus einem Freundeskreis erstehen. Für einen Verein wie den OeD ist es eine Herausforderung, hierfür das Richtige zu tun und zu unterlassen, oder eben auch verpaßte Chancen zu erkennen, um im Lernprozeß zu bleiben.

Bei alledem ist zu bedenken, daß der OeD ein sehr kleiner Verein mit sehr begrenzten Ressourcen ist. Es wird in allen Phasen des Lernens Anstrengung kosten, gerade das herauszufinden, was wir tun, und das viele zu verabschieden, was wir nicht tun können oder sollen; auch in dem, was uns wichtig ist.

Heidelberg, im Mai 2000

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